Tag 28 – Regenfahrt von GEIRANGER nach FÖRDE
Im Leben geht es nicht darum, darauf zu warten, dass die Stürme vorbeiziehen: Es geht darum, zu lernen, wie man im Regen fährt.


Heute nehmen wir Abschied von GEIRANGER. Es war sehr erholsam und schön, doch wir müssen weiter nach Süden, denn unser Urlaub dauert ja bedauerlichweise noch nicht ewig. Wir stehen früh auf, kochen uns einen NESCAFE und Atlan beginnt kurz nach 08:00 die SOL zu beladen. Unsere Fähre GEIRANGER – HELLESYLT fährt erst um 10:00 Uhr ab, doch wir wollen vorher noch im örtlichen Supermarkt einkaufen – vor allem Getränke. Der Einkauf dauert ca. eine halbe Stunde und dann fahren wir weiter zur nur wenige hundert Meter entfernten Fähranlegestelle. In der Sorge, die Fähre zu versäumen waren wir so schnell mit allen Vorbereitungen, dass wir jetzt ca. 40 Minuten warten müssen, bis wir endlich mit der Fähre losfahren.

Die Fähre lässt sich Zeit und gleitet nur langsam durch den Fjord. Das gibt uns Zeit viele Fotos zu machen. Die senkrechten Felswände, welche viele hundert Meter direkt aus dem Wasser hochsteigen, die Wasserfälle der sieben Schwestern und die großartige Landschaft des Fjordes im Allgemeinen werden uns sicher für immer im Gedächtnis bleiben.


Leider fängt es an zu nieseln. Angekommen in HELLESYLT nehmen wir erstmal die falsche Abzweigung, merken das allerdings rasch und dann folgen wir einem Hinweis, den Mara von einem Norweger erhalten hat. Das Wetter bessert sich und wir fahren auf der 655 durch ein einsames, extrem pittoreskes Tal, das sich als echter Geheimtipp herausstellt. Mehrfach bleiben wir stehen, um Fotos zu schießen und um die Tafeln mit Erklärungen zu lesen. Hier gab es schon vor sehr, sehr langer Zeit Durchzugsverkehr und damit eine Straße. Es soll auch noch ein paar der uralten Brücken geben. Bei der Weiterfahrt können wir sogar einige wenige davon sehen. Leider ist es aber so, dass in NORWEGEN offenbar jedes Tal und jeder Fjord sein eigenes Wetter hat, denn kaum sind wir aus dem Tal draußen, verschlechtert sich das Wetter rapide und es fängt an in Strömen zu gießen.
Das wird sich für die nächsten 3 Tage nicht mehr ändern, denn ganz MITTELNORWEGEN liegt unter einer großen, dicken Regenwolkenschicht. Wir erreichen den Fährhafen von LEKNES, das Wetter ist grau in grau und die SOL ist zunächst das einzige Fahrzeug an der Verladerampe. Daneben gibt es ein kleines Häuschen mit einem WC und einem Warteraum. Um nicht im Regen zu stehen, gehen wir in den Warteraum und finden dort 4 junge Männer, die hier Zuflucht gesucht haben. Die sind nur leicht gekleidet und auf einer Wandertour. Sie wollen warten, bis der Regen vorbeigezogen ist bevor sie weitergehen. Die Fähre LEKNES – SAEBO ist Teil der 655 auf der wir dann weiterfahren. Wir wollen weiter in Richtung NORDFJORDEID fahren und nehmen deshalb eine winzige Verbindungsstraße nach VOLDA, wo wir auf die E39 einbiegen. Als wir GRODAS erreichen, brauchen unsere Hinterteile mal eine kurze Pause, wir wollen etwas trinken und auch aufs WC gehen. Wir bleiben gegen 14:15 für 20 Minuten auf einem großen Parkplatz in der Nähe einer Tankstelle stehen und vertreten uns mal die Füße. Kurz vor NORDFJORDEID sind wir nicht mehr sicher, ob wir hier richtig sind und bleiben auf einer Ausweiche neben der E39 stehen. Ohne Absteigen kramt Atlan die Straßenkarte aus dem Tankrucksack hervor, um unser Orientierungsvermögen gegen die Realität abzugleichen.
Wir fahren weiter, bis LOTE und nehmen dort die Fähre LOTE – ANDA. Bei SANDANE verlassen wir aber auf der Suche nach einem Kaffeehaus die E39. Wir glauben sowas nicht auf einer Hauptstraße, sondern in irgendwelchen kleinen Dörfern zu finden, wie das eben auch in ÖSTERREICH der Fall ist wo jedes noch so kleine Dorf ein Wirtshaus hat. Wir irren uns gewaltig. Stundenlang fahren wir die 615 entlang und kommen durch viel Siedlungen und Dörfer – nur irgendeine Art von Kaffeehaus, Wirtshaus oder Restaurant ist nirgends zu sehen.
Wir stoppen schließlich in einem kleinen Ort namens HYJEN. Dort finden wir einen kleinen Supermarkt, aber der verkauft auch keinen warmen Kaffee, wie wir das bis jetzt manchmal in NORWEGEN gesehen haben. Es hat 13 Grad, es nieselt, wir stehen auf dem Dorfplatz und können 3 vielleicht 10jähringen Kindern beim Spielen zusehen, welche außer Turnschuhen nur T-Shirts und kurze Hosen anhaben. Die scheint das schlechte Wetter in keinster Weise zu stören. Norweger werden eben schon von Kindheit an auf ganz andere Wetterverhältnisse geeicht. Regen und Temperaturen unter 15 Grad auch im Sommer sind hier der Normalfall.

Verwundert betrachten wir ein kleines Denkmal für Christopher Columbus am Ufer. Welche Verbindung hat dieser Seefahrer mit HYJEN?
Wir besorgen uns nochmals was zu trinken, Mara gönnt sich ein Cola, und dann fahren weiter auf dieser engen gewundenen einsamen Straße bis wir in STOREBRU ankommen. Solche Straßen sind selbst im Regen für Motorradfahrer ein Gustostückerl. Wir fahren auch durch unzählige Tunnel älterer Bauart. Die sind zum Teil echt problematisch, denn die Tunnelwände sind pechschwarz und fressen regelrecht das Licht des Scheinwerfers.
Einmal fahren wir in so einen kurzen Tunnel ein und die Schwärze ist so tief, dass Atlan für einen Augenblick definitiv gar nichts mehr sieht. So als ob ihm jemand die Augen verbunden hätte. Instinktiv bremst Atlan ab – gerade noch rechtzeitig – denn wir können gerade noch im Scheinwerferlicht erkennen, dass die Straße im Tunnel eine Kurve macht und wir direkt auf die Tunnelwand zufahren. Auf der 5 geht’s dann weiter bis FÖRDE, wir haben noch immer keinen Kaffee, wo wir gegen 18:00 unsere Unterkunft erreichen. Wie immer macht Mara das Zimmer klar und zeigt Atlan dann, wie er durch den Hintereingang auf kurzem Weg alles Gepäck ins Zimmer tragen kann. Alle Gepäckstücke kommen zunächst mal unter die Dusche, wo sie vom Dreck der Straße befreit werden, bevor wir sie irgendwo hinstellen können ohne irgendetwas schmutzig zu machen. Die Packtaschen werden mangels Stauraums im Badezimmer belassen. Durch das Abladen des vielen, schweren Gepäcks und weil auch Mara jetzt nicht mehr draufsitzt, ist die SOL aus der Federung hochgekommen und steht jetzt etwas wackelig am leicht abschüssigen Parkplatz. Als Atlan sie besser hinstellen will, fällt ihm sein kostbares Bike aus Unachtsamkeit oder auch aus Erschöpfung beim Rangieren um. Er ärgert sich wahnsinnig aber glücklicherweise haben die vielen Schutzbügel und Schutzbleche alles abgefangen und er kann nicht mal einen zusätzlichen Kratzer erkennen. Trotzdem – das darf nicht passieren. So ein 300 kg schweres Stück wieder aufzustellen, erfordert Kraft und Geschicklichkeit. Wie auch immer – am Ende steht die SOL dort, wo sie stehen soll, und ihm tut das Kreuz weh.
Als wir alles soweit eingeräumt haben und uns die Motorradklamotten inkl. Regengewand ausgezogen haben, haben wir Hunger. Mara entdeckt im Ort ein vielversprechendes Restaurant. Angesichts der heutigen Erfahrung sind wir glücklich, dass es hier sowas überhaupt gibt. Im Regen und geschützt durch unsere Regenjacken gehen wir in dieses Restaurant und essen dort eine Pizza. Als Getränk hätte Atlan gerne was typisch Österreichisches: einen gespritzten Apfelsaft. Die junge, hübsche Kellnerin kennt das natürlich nicht, weshalb er ihr versucht zu erklären, was das ist: einfach Apfelsaft und Mineralwasser in einem großen Glas gemischt. Sie meint, sie werde versuchen das zu organisieren, kommt aber dann zurück und meldet, dass es hier im Restaurant kein Glas gibt, welches groß genug wäre. Unter Umständen hat sie seine Erklärung doch nicht so gut verstanden, denn die Gläser, welche wir auf den Tisch bekommen, sind relativ klein, 0,25 l vielleicht. Ein wenig später kann er sehen, dass sie einem anderen Gast ein Bier in einem 0,5 Liter Humpen bringt.
Heute sind wir ca. 280 km im Regen gefahren und wir sind wirklich müde. Als wir wieder zurück in unserer Unterkunft sind, schläft Atlan sofort ein.



