Tag 25 – der Tag der 10 Pässe
Schilderung Atlan
Heute ist bereits der 26. Tag unseres Urlaubs und wir befinden uns immer noch mitten in Frankreich. So schwer es fällt: Wir müssen langsam in die Gänge kommen, um unsere Heimat zu erreichen bevor der Urlaub zu Ende ist. Heute ist der „Tag der 10 Pässe“. Es wird ein laaaanger Tag werden.
Unser heutiges Tagesziel liegt in der Gegend von ANNECY. Um dorthin zu gelangen, müssen wir 10 kurvige Alpenpässe überwinden. Darunter die höchsten und schönsten der RGA:
- COL LAUTARET
- COL GALIBIER
- COL TELEGRAPH
- COL MADELEINE
- COL ISERAN
- CORMET ROSELEND
- COL MEIRILLET
- COL DU PRE
- COL SAISES
- COL ARAVIS
Da wir uns bereits gestern, soweit es ging auf die Abreise heute vorbereitet haben, geht es heute wie gewohnt recht rasch. Wir frühstücken schon um 07:00 Uhr und müssen dabei warten, bis das Frühstücksbuffet überhaupt geöffnet wird. Dann trage ich alles Gepäck zur Rezeption, stelle die SOL vor dem Eingang ab und lade rasch alles auf, tatkräftig unterstützt von Mara. Im Prinzip machen wir alles so wir hier in BRIANCON angekommen sind – nur Rückwärts. Um 08:00 sind wir bereits auf der Straße Richtung COL LAUTARET. Obwohl heute ein Montag ist, ist im sanften Morgenlicht wenig Verkehr und wir kommen zügig voran. Anders als ursprünglich beabsichtigt machen wir keine Pause am COL GALIBIER und auch nicht am COL TELEGRAPH.

Bei MODANE biegen wir von der Hauptstraße auf eine parallele Seitenstraße oben am Hang ab und haben wunderbare Aussichten bei klarer Luft auf das umgebende Tal. Wir fahren die D215 entlang bis AUSSOIS. Wir liegen gut in der Zeit, ja sind unserem Zeitplan sogar etwas voraus und es ist Zeit für unseren Vormittagskaffee. Unsere SOL immer im Blick gönnen wir uns unsere Ladung Koffein im Schatten eines Sonnendaches des Kaffeehauses „La Grignott’“ in AUSSOIS. In dieser Gegend gibt es eine Reihe von Festungen aus dem 19. Jhdt. welche Mara perfekt sehen kann.
Routiniert bringen wir den COL MADELEINE hinter uns und tuckern genussvoll den COL ISERAN hinauf. Mara hat wieder einmal ein WOW-Erlebnis nach dem anderen. Auf der Passhöhe des COL ISERAN stehen zu bleiben ist wegen des geneigten Geländes schwierig. Außerdem ist mittlerweile die Welt aufgewacht und die Passhöhe ist ziemlich belebt, weshalb wir auch hier nicht stehen bleiben, sondern erst etwas später an einem Parkplatz mit dem bezeichnenden Namen „Belvedere“. Man sieht bei einigermaßen klarem Himmel die Kulisse der umgebenden Berge und auch hinunter zum berühmten Wintersprotort VAL D´ISERE.


Ich komme ins Gespräch mit ein paar Radfahrern und gebe ihnen ein paar Tipps aus meinem Erfahrungsschatz. Ich bin schon etwas wehmütig, als wir den COL ISERAN Richtung BOURG SAINT MAURICE runterfahren, weil dies der höchste aller Bergpässe war und alle folgenden Pässe, welche wir während unserer Reise noch überqueren werden, kein so ein berauschendes und hohes Panorama bieten werden können. Aber irgendwann hat man halt immer den Gipfel erreicht und dann geht es nur noch abwärts. Ich will aber nicht traurig sein, denn ich habe das Alles ja schon öfter gesehen und fühle mich privilegiert, all diese Schönheit mehrfach gesehen haben zu dürfen. In BOURG SAINT MAURICE ist es schon nach Mittag und wir werden hungrig. Ich kenne da einen großen Supermarkt und parke dort die SOL im Schatten. Sie steht zwar zur Hälfte auf der Straße und somit dem spärlichen Verkehr im Weg, aber dies scheint niemanden wirklich zu stören. Während Mara Lebensmittel kauft, bleibe ich beim Bike und bewache unsere Habseligkeiten.
Mara kommt zurück mit mehreren Köstlichkeiten und wir beide haben schon Hunger. Im Nullkommanix ist mein Teil aufgegessen. Es wenig wandert noch in die Sturzbügeltaschen und dann geht es hinauf auf den CORMET ROSELEND. Anfangs verpassen wir aber die richtige Abzweigung aber durch die Vielzahl von Kreisverkehren können wir bald umdrehen und die korrekte Straße nehmen. Oben auf über 2000 Meter ist es wieder wunderschön. Wir fahren weiter, ohne anzuhalten genießen die unfassbar schönen Farben des Stausees LAC DES ROSELEND. Am COL MEIRILLET biegen wir Richtung BARRAGE DE ROSELEND ab was wieder Begeisterungsstürme bei Mara hervorruft, als wir über die Dammkrone fahren. Bei uns in Österreich darf man das praktisch nirgends. Kurz hinter der Staumauer geht es in wenigen Spitzkehren hinauf zu einem Restaurant, La Pierra Menta, mit der wohl schönsten Aussicht auf die umgebenden Berge und den Stausee. Die Farben sind unwirklich intensiv.

Normalerweise muss man einen Tisch im Voraus buchen und muss dort auch etwas Essen, um einen Tisch mit Aussicht auf der Terrasse zu ergattern, aber heute ist wohl der Ansturm zu Mittag schon vorbei und wir können im Schatten unseren Nachmittagskaffee genießen. Es war der wohl beste Platz des gesamten Restaurants zu dieser Tageszeit. Nach dem Nachmittagskaffee geht es weiter Richtung

BEAUFORT. Zuerst müssen wir aber auf der engen Straße noch ein paar hundert Höhenmeter hinauf zum COL DU PRE und dann auf einer extrem engen Straße wieder hinunter. Diese enge Straße ist glückicherweise ein Insidertipp und es gibt nicht viel Verkehr, denn talseitig mit unserem „Flugzeugträger“ ein Auto bei der Hanglage zu passieren sorgt ordentlich für Stress bei mir. Unten in BEAUFORT besuchen wir ein Geschäft für lokale Lebensmittel und decken uns kiloweise mit verschiedenen Sorten von Käse ein. Der COL SAISES, ohnehin nur ein im Sommer gesichtsloses Wintersportdorf ist bald hinter uns gebracht und wir nehmen dann noch den COL ARAVIS in Angriff. Ich bin schon längst in einer Art geistigem Flow und fahre routiniert alle Kurven und Kehren. Wir sind aber jetzt schon eine ganze Weile unterwegs und Erschöpfung und schmerzende Kehrseiten machen sich bemerkbar. Also stoppen wir am ARAVIS und konsumieren nochmals einen Kaffee. Als ich absteige, merke ich wie erschöpft ich eigentlich bin, denn ich habe weiche Knie und mir ist leicht schwindlig.

Alarmiert von dieser Befindlichkeit lassen wir uns Zeit, bis es mir besser geht und nehmen dann die letzte Etappe in Angriff: Die Fahrt nach THORENS-GLIERES. Mara hatte in der Gegend von ANNECY keine Unterkunft zu einem akzeptablen Preis gefunden und deshalb ein Zimmer in einem Dorf weit außerhalb von ANNECY gebucht. Wie immer macht Mara zunächst das Zimmer klar und dann tragen wir all unser Gepäck hoch. Diese Unterkunft ist in einem bemerkenswerten Maß verwinkelt. Das Gasthaus mit Übernachtungsmöglichkeit ist ein Familienunternehmen und wir werden von der Tochter des Hauses bedient. Die Regeln sind rigide: Man muss sofort das Zimmer bezahlen. Als wir später Essen gehen, muss auch das Essen sofort bezahlt werden. Wir können es nicht aufs Zimmer anschreiben lassen. Auch das Frühstück ist strikt geregelt: Das gibt es zw. 08:00 und 09:00 am nächsten Tag. Nach einer erfrischenden Dusche machen wir einen kleinen Spaziergang durch das Dorf und Essen dann eine Art Menü im Gasthaus, wo und der Sohn des Hauses bedient. Der ist max. 18 Jahre alt aber sicher 2m groß. Obwohl unser Zimmer ein Fenster hinaus auf die Hauptstraße hat, ist es in der Nacht ruhig. Ich merke jedenfalls, dass ich für solche Aktionen langsam zu alt werde. Allein und/oder mit einem nicht so beladenen Bike wäre es sicher kein Problem gewesen aber heute haben wir ca. 330 km über eine Zillion von Kurven und Spitzkehren hingelegt und das hat mich sehr erschöpft. Ich werde diese Erschöpfung auch noch in den nächsten Tagen spüren.


